Tagebucheintrag

Dialoge 88/365

In diesem Jahr wurde in Sachsen (und in anderen Bundesländern) gewählt und weitere Wahlen stehen in Herbst an. Gerade in Sachsen wird – spätestens seit dem Aufkommen von Pegida und verstärkt seit der Bundestagswahl 2017 – zu öffentlichen Bürgerdialogen aufgerufen. Die Landeszentrale für politische Bildung macht es schön länger, die Landesregierung macht es seit einiger Zeit und auch Städte und Kommunen rufen häufig zu solchen „Dialogen“ auf. Oft wurde es gemacht, als sich Unmut in der Bevölkerung wegen geplanter Heime für Geflüchtete regte oder nachdem sich Pegida in Dresden gegründet hatte. Man reagierte – teils panisch – auf kleine Gruppe in der Bevölkerung und verlor dabei die demokratische Mehrheit aus dem Blick! Den „besorgten Bürgern“ wurde und wird eine Bühne geboten. 

Spätestens seit man die Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 in Sachsen kannte, sprach man immer häufiger von der „Spaltung der Gesellschaft“. Und durch solche „Dialoge“ zementiert man von staatlicher und kommunaler Seite das Narrativ, dass eine solche „Spaltung“ existiere. Diese „Spaltung der Gesellschaft“ ist aus meiner Sicht keine „Spaltung“, sondern eine „Zerklüftung“ und es gibt unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichsten Meinungen, die ganz wunderbar, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, nebeneinander existieren können. Jeder und jede kann sie äußern, muss aber mit Widerspruch umgehen können und sich gegebenenfalls rechtfertigen. Diese Kritik ist keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern das Gegenteil: Das ist Meinungsfreiheit. Meinungen können von allen Menschen geäußert werden. Aber kein Mensch hat das Recht darauf für Meinungen und Handlungen nicht kritisiert zu werden. 

Viele der „Dialog“-Veranstaltungen zementieren aber das Bild, dass die Gesellschaft „gespalten“ sei. Zwei Menschen oder polarisierende Themen, werden in den Raum geworfen und dann bilden sich die Lager. Alle gehen danach aus den Veranstaltungen und fühlen sich darin bestätigt, wie „gespalten“ diese Gesellschaft doch sei. Oft wird dabei rechtspopulistischen und rechtsextremen Meinungen eine Bühne geboten, die dadurch immer weiter legitimiert werden. Da machen sich die Staatsregierung, die Landeszentrale und die Kommunen mitschuldig daran, dass Dinge sagbar wurden, die es zuvor nicht waren! Zu oft bleiben rassistische und ausgrenzende Haltungen bei den sogenannten „Dialogen“ unwidersprochen! 

Zudem sind solche Veranstaltung – egal wie offen eingeladen wird – exklusive und teilweise elitäre Veranstaltungsformate: Menschen, die von Rassismus betroffen sind, werden nicht zu solchen Formaten gehen und das Wort ergreifen. Sie sind so angelegt, dass sich dort primär alte weiße Männer (und weniger Frauen) artikulieren, die ohnehin schon in einer sehr privilegierten Situation sind. 

Auch ich habe schon den Fehler gemacht und an solchen „Dialogen“, wissend, dass sie keine Ergebnisse bringen werden, teilgenommen. Das war für mich nicht schädlich, da ich auch mit harter und unsachlicher Kritik an meiner Meinungen und meinem Handeln umgehen kann. Aber diese Veranstaltungen haben das Gefühl eines beispielsweise „gespalteten Bautzen“ verfestigt, ohne zu analysieren, wie die Struktur der Zuhörer*innen und Diskutant*innen war. 

Was haben uns diese „Dialoge“ für die Gesellschaft gebracht? Aus meiner Sicht: Nichts! Die Verantwortlichen – als die Einlader – haben im Nachgang keine entsprechende Nacharbeit gemacht, die entsprechend öffentlich wurde und zeitnah sichtbar auf die Ergebnisse dieser „Dialoge“ reagiert! 

Deshalb ein Appell an die Einlader und ein zweiter an alle Menschen: Hört auf mit den „Dialogen“ und fangt an zu reden! Redet zu jeder Zeit und an jedem Ort über das, was Euch gerade bewegt. Wenn es derzeit die Politik, die bevorstehenden Wahlen und deren Ausgang ist, traut Euch in der Familie, am Arbeitsplatz und im Verein darüber zu reden. Ihr seid mit Eurer Haltung und Euren Ängsten sicher nicht allein! Wenn ihr beginnt zu reden, könnt ihr anderen Menschen, die Eure Meinung komplett oder in Ansätzen teilen, Mut machen, auch zu sagen, was ihre Befürchtungen und Ängste in Bezug auf die zukünftige Politik sind. 

Ich werde in den kommenden Tagen noch das eine oder andere zu dem Thema aufschreiben. Ich musste mir heute aber zunächst etwas „Luft“ verschaffen, da diese „Dialoge“ im Kleinen das sind, was Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind. Weitere Themen in Blog-Beiträgen werden sein, dass wir durch „Dialoge“ aus einem Rassisten keinen weltoffenen Menschen machen und weshalb diese Formate deshalb, aus meiner Sicht, ungeeignet sind. So viel für heute! 

Mein abschließender Appell an alle: Hört auf mit den „Dialogen“ und fangt an zu reden! 

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