Tagebucheintrag

“Dämliche Wessis” und “dumme Ossis”? Nein! 56/365

Ich hatte zuletzt einen anonymen Brief auf Twitter veröffentlicht und auch hier im Blog-Artikel “Die bösen Wessis” versucht den Brief etwas einzuordnen. Auf Twitter wurde der Brief bis heute 240 Mal geteilt und mit fast 170 Kommentaren versehen.

Leider finden sich unter dem Tweet auch Kommentare, die lauten: “Die Mauer muss her, die Mauer muss her!” oder “Bautzen raus aus Deutschland!” Es wurde zuweilen über die “dummen Ossis” geschrieben. Das ist nicht sehr intelligent. Ich als Mensch, der in Hessen geboren ist, wird in dem Brief als “dämlicher Wessi” bezeichnet. Deshalb finde ich es andersherum nicht toll, wenn ein Mensch, der vermutlich aus Sachsen stammt, als “dummer Ossi” bezeichnet wird. Natürlich ist der Inhalt des Briefes nicht angenehm, dennoch sollte man nicht das machen, was der*die Briefschreiber*in macht und andere pauschal als “dummer Ossi” bezeichnen. Ich bin ohne ein “Ost/West”-Denken nach Bautzen/Budyšin gezogen und “Ossi” sowie “Wessi” kamen in meinem Sprachgebrauch nicht vor. Deshalb wäre es schön, wenn Menschen, die auf Twitter oder Facebook – gut meinend – kommentieren, sich nicht zu Pauschalisierungen und der Verwendung der Begriffe “Ossi” oder “Wessi” mit positiver oder negativer Konnotation der begleitenden Adjektiven hinreissen lassen.

Zum Glück waren unter dem Kommentator*innen aber auch sehr viele, die reflektierten und differenzierten:

“Ja, es zeigt, was alles auf @schmanle projeziert wird. Da waren Leute schnell einig, dass sie schuld sei an den Problemen der Stadt und nun an denen des gesamten Ostens? Sündenböcke zu haben, ist praktisch. Es vereinfacht das eigene Weltbild und Reflexionsfähigkeit ist unnötig”.

“Das Verrückte ist, ich war vor ein paar Tagen in zwei Debatten über Ostdeutschland (14. BuKo der @bpb_de), 1x als Referent, 1x als Gast. Und ein Thema kam da immer wieder, wie böse der Westen zum Osten war/ist. Das was sie beschreiben, kam im bisweilen neurotischen Ostdiskurs nicht vor. Aber da steckt viel von dem drin, Erwartung, Enttäuschung, Verweis auf eigene Lebensleistung und Schuldsuche im Westen. Wenn wir diese Debatte nicht endlich vom Kopf auf die Füße stellen, weg vom ostdt. Opferdiskurs, hört das nie auf.”

Wie echte Probleme zu falschen Schuldzuschreibungen und rechtsextremem Wahlverhalten führen, zeigt dieser Brief eindrücklich.

“Das Grundproblem des Osten in einem Brief zusammengefasst. Abgehängt, allein gelassen und vom Populismus aufgefangen.”

Als Fazit ein Kommentar, der im Jahr 30 nach dem Fall der Mauer aus meiner Sicht gelten sollte:

“Wessis/Ossis ist Schnee von gestern!”

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