Tagebucheintrag

Bautzen – kein Einzelfall 54/365

Ich schreibe oft und gerne über Bautzen/Budyšin. Das liegt vor allem daran, dass ich seit nunmehr etwas über drei Jahren in der Spreestadt lebe und deshalb über das schreibe, was ich erlebe oder von Freund*innen erfahre. Doch Bautzen/Budyšin ist kein Einzelfall hier in Sachsen und auch nicht in Deutschland. Zu den sächsischen Städten, die mit rassistischen Ausschreitungen immer wieder in Verbindung gebracht werden, zählen unter anderem auch Dresden, Chemnitz und Freital. Am vergangenen Wochenende ist bei “Spiegel Online” ein Artikel veröffentlicht worden, der sich mit der letztgenannten der Städte beschäftigt. In einem Beitrag mit dem Titel “Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu bereden” schreibt Peter Maxwill für “Spiegel Online” über Rassismus in Sachsen und macht dies am Beispiel Freital fest. Im Teaser zum Text heißt es:

Übergriffe, rechte Demos und eine Terrorgruppe machten Freital in Sachsen international bekannt. Vieles hat sich verändert – nur etwas Entscheidendes nicht. Über eine Stadt, die ihre Vergangenheit ausblendet.

Teaser zu “Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu bereden.”

Aufhänger für den Artikel ist das Stück “Früher war alles“, das derzeit im Staatsschauspiel in Dresden gezeigt wird. In der Ankündigung zum Stück heißt es:

Die Anschläge auf Asylsuchende 2015 haben für negative Schlagzeilen gesorgt, die das mediale Bild der Stadt Freital bis heute prägen. Die Bürgerbühne hat den Autor Dirk Laucke beauftragt, ein dokumentarisches Stück über Freital zu schreiben, das hinter diese Schlagzeilen schaut. Auf der Grundlage von Interviews ist ein dramatisches Triptychon entstanden, dessen Protagonist*innen eines vereint: Sie hinterfragen angebliche Gewissheiten und machen sich für andere stark. 

Ausschnitt aus der Ankündigung zum Stück “Früher war alles” auf der Internetseite des Staatsschauspiels Dresden

Das Stück versucht Antworten zu finden auf die Fragen der Vergangenheit in Freital. Auf die Suche nach Antworten geht auch der Spiegel-Autor Maxwill in der Stadt.

Es ist schwierig, in Freital Antworten zu erhalten. Versuch einer nicht repräsentativen Straßenumfrage: “Nee, keen Bock”, sagt eine Frau in weinroter Steppjacke. “Es hat sich beruhigt”, sagt ein Gastwirt, mehr nicht. Eine Frau mit Hund will gar nichts sagen, ein grauhaariger Mann schüttelt nur den Kopf. Andere beteuern, keine Meinung zu haben oder gar nicht in Freital zu leben.

Zitat aus “Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu bereden.”

Einige Freitaler*innen fühlen sich missverstanden. Finden das, was in den vergangenen Jahren über die Stadt und die rechtsextreme Szene berichtet wurde übertrieben. Mittlerweile wurden Angehörige der als terroristische Organisation eingestuften “Gruppe Freital” zu Haftstrafen verurteilt. Einige Menschen in der Stadt bezeichneten deren Verbrechen als “Lausbuben-Streiche”. Der Autor möchte mit dem Oberbürgermeister reden. Der lehnt mehrere Anfragen ab – auch die AfD gibt keine Antworten.

Von zwei Menschen bekommt der Autor Antworten von Steffi Brachtel und Ines Kummer. Zwei mir bekannte, wunderbare Frauen aus Freital, die sich beide für ein tolerantes Miteinander in der Stadt und in Sachsen einsetzen. Beide sind Vorbilder für mich, da sie das, was ich seit drei Jahren hier mache, schon deutlich länger durchziehen! Sie berichten über das, was sie erlebt haben und darüber wie die Situation mittlerweile in der Freital ist. Derzeit leben nur noch rund 120 Refugees in der Stadt.

Rechten Gruppen ist das egal. Sie verbreiten weiter ihre Ideen, während viele Freitaler schweigen. Die “Bürgerinitiative Freital” etwa, die in der AfD ihren verlängerten Arm sieht, tönt auf ihrer Facebook-Seite, dass “unsere Stadt fast migrantenfrei ist”. Als der Stadtrat Michael Richter, selbst Opfer der “Gruppe Freital”, wegen der Anfeindungen nach Bayern zog, hieß es: “Hau ab und tschüß!” Bei den anstehenden Wahlen gehe es darum, heißt es in einem anderen Post, dass “diese Sozis, ‘Die Grünen’ und ‘Die Linke’ endgültig unsere Stadt verlassen sollen”. Mit solchen Parolen hat es die “Bürgerinitiative” auf rund 7300 Facebook-Abonnenten gebracht.

Zitat aus “Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu berichten.”

Ines Kummer sitzt in Freital bereits für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat. Steffi Brachtel möchte bei der Kommunalwahl im Mai für die Linken in den Stadtrat einziehen. Zwei Frauen, die Sachsen gestalten und die hoffen, dass es irgendwann normal ist, sich zu Wort zu melden, sagen sie dem Spiegel-Autoren.

Bei der Lektüre des Textes muss man unweigerlich, wenn man mit der Situation in Sachsen vertraut ist, auch an andere Städte im Freistaat denken – auch an Bautzen/Budyšin. Das was in den Städten hier läuft, ist nie ein Einzelfall. In manchen Städten scheint es heftiger zu sein (wie in Freital) – in anderen weniger heftig (wie in Leipzig). Allen Städte und Gemeinden gemeinsam ist: Es muss mehr Menschen geben, die hier den Mund aufmachen gegen das, was ich manchmal den “rassistischen Normalzustand” nenne. Es muss Menschen geben, die über das Reden hinausgehen und in der Kommunalpolitik Verantwortung tragen möchten, damit hier Menschen in Verantwortung kommen, die sich für ein tolerantes und weltoffenes Sachsen einsetzen und nicht für ein abgeschottetes Sachsen, das nicht offen ist für neue Menschen und neue Entwicklungen.

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