Tagebucheintrag

Die bösen Wessis 51/365

Ich habe gestern beim “Bild des Tages” bereits geschrieben, dass ich heute einen anonymen Brief, der mich erreichte hier auf dem Blog nochmal aufgreifen werde. Nun ist es so weit!

Gestern erhielt ich einen Brief, in dem ein Mensch seinen ganzen Hass und seine Unzufriedenheit, die er hat, bei mir ablädt, da ich aus seiner oder ihrer Sicht ein “dämlicher Wessi” sei. Ich möchte den Brief zum Anlass nehmen, um über die “Ost-West”-Probleme, die mir in meiner Zeit in Bautzen begegnet sind kurz zu schreiben. Ich werde das Thema sicher noch häufiger aufgreifen. Hier aber zunächst der Brief, dessen originale Rechtschreibung ich beibehalten habe:

Hallo

Ich rate Ihnen aus Bautzen zu verschwinden und auch Ihr Vater. Ihr dämlichen Wessi. Sie sagen. Aber 30 Jahre nach der Wenden sollten wir das überwunden haben. Es ist doch nichts passiert. Sie haben die Stadt verschandelt. Siehe am Konrmarkt Center das rote große Haus. Das können nur dämliche Wessis gebaut haben. Statt die Altstadt zu sanieren. Ihr seid doch nur aufs Geld aus. Warum seit ihr in den Osten gegangen? Weil ihr im Westen nichts geworden seit. Von wegen 30 Jahre Wende und wo bleibt der gleiche Lohn und das andere alles z.B. die Arbeitsplätze die habt Ihr uns genommen. Wir nur noch die Rechten und die AFD. Verschwindet aus Bautzen. Und weniger Rente bekommen unsere Leute auch obwohl sie über 45 Jahre gearbeitet haben. Arbeitet ihr erstmal so lange. Sie und Ihr Vater. Hoffentlich wählt Sie keiner zum Stadtrat. Und was willst du bei den Sorben? Die reden auch nicht gut über euch.

Vieles spricht dafür, dass der Brief vermutlich von einer verwirrten einzelnen Person geschrieben ist – unter anderem deshalb, da in diesem Brief mein Vater auftaucht, der ebenfalls aus Bautzen verschwinden soll. Er war jedoch nur für zwei Kurzbesuche in der Stadt. Er lebt und arbeitet seit über 40 Jahren in Hessen. Allerdings kommen in dem Brief auch Meinungen vor, die mir durchaus auch schon in anderen Kontexten begegnet sind. Das war für mich Anlass den Brief zu veröffentlichen, wenngleich die Person, die diesen Brief geschrieben hat, gelinde gesagt, etwas übertreibt.

Es gibt Menschen in Bautzen – und nicht nur hier – die machen Menschen, die aus ihrer Sicht “Wessis” sind dafür verantwortlich, dass in der Stadt und der Region in der Nachwendezeit Dinge falschen gelaufen seien. Es ist dann auch egal, dass ich beispielsweise beim Fall der Mauer gerade mal zwei Jahre alt war und in den 90ern damit beschäftigt war den Kindergarten und die Schule zu besuchen. Ich bin nicht in dieser Zeit nach Sachsen gezogen, sondern über 25 Jahre später. Sollte es “Wessis” geben, auf die man hier in der Region sauer sein muss, so sind es unter Umständen die Menschen, die in den frühen 1990er Jahren in die Stadt kamen und nicht die Menschen, die sich fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ganz selbstverständlich und ohne ein Denken in den Kategorien “Ost” und “West” aufgrund des Jobs innerhalb Deutschlands umziehen.

Und dennoch begegnet mir der Vorwurf “Ihr Wessis seid an allem Schuld!” in diesem Brief nicht zum ersten Mal. Eine Begebenheit, bei der ich mich ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt sah, war bei “Miteinander deutsch reden” von “Bautzen bleibt bunt” – Muttersprachler und Sprachlernende treffen sich dort, um in lockerer Atomsphäre ins Gespräch zu kommen. Also eine Gruppe von Menschen, die zu den offensten und tolerantesten in der Region zählen. Zu Beginn stellt man sich an den Tischen, an denen man ins Gespräch kommt vor, da man immer in anderen Gruppen beisammen sitzt. Als ich mich dort einmal vorstellte und an die anwesenden Geflüchteten gerichtet sagte, dass ich auch noch nicht so lange in der Stadt lebe, sondern aus Hessen stamme, begann ein älterer Herr aus Bautzen, der ebenfalls mit an dem Tisch saß eine Tirade gegen die “Wessis”. Wir sind dann irgendwann vor die Tür gegangen und haben das Gespräch dort fortgesetzt. Er war nur schwer davon abzubringen, dass die “Wessis” an allem Schuld seien. Auch in anderen Kontexten kamen Vorwürfe dieser Art immer wieder auf – meist wurden sie von Männern über 60 geäußert und sind aus meiner Sicht ziemlich absurd!

In dem Brief werden auch Dinge angesprochen, die man tatsächlich ernst nehmen sollte: Die ungleiche Bezahlung und Renten in “Ost” und “West”. Die daraus resultierende Frustration kann ich durchaus nachvollziehen. Das dieser Frust für einige ein Grund sein könnte die AfD zu wählen allerdings nicht. Dennoch sollten die Politiker*innen in Bund und Ländern die Frustration darüber allerdings ernst nehmen und dafür sorgen, dass diese Ungleichbehandlung aufhört!

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