Tagebucheintrag

Gedenken in Bautzen/Budyšin 27/265

Viele Menschen aus Bautzen und Umgebung haben sich heute an dem Gedenkstein eingefunden: „Zum Gedenken an die Menschen, die während des Nationalsozialismus zwischen 1940 und 1945 in der Waggon- und Maschinenfabrik Bautzen Zwangsarbeit leisten mussten“. Doch diese Zeilen waren nicht mehr auf dem Stein zu lesen. In der Nacht zum Sonntag wurde die Messingtafel gewaltsam von dem Stein entfernt. Das Bild zum Beitrag stammt aus dem letzten Jahr als die Inschrift noch auf dem Stein zu lesen war. Auf Twitter äußerten sich unter anderem der Stadtverbandsvorsitzende der CDU, Tobias Schilling und der Stadtrat von Bündnis 90/Die Grünen dazu:

Die Anwesenden heute gedachten Menschen, die aus der Stadt und der Umgebung stammten und hier oder an anderen Orten lediglich aufgrund der Tatsache, dass sie nicht in das Bild der Nationalsozialisten passten, inhaftiert und gequält wurden, Zwangsarbeit leisten und schlussendlich in vielen Millionen Fällen ihr Leben lassen mussten.

Die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus und damit auch die Erinnerung an die Opfer dessen begann sehr spät. Die Erinnerung an die Shoah gewann erst ab den späten 1970er Jahren wirklich an Bedeutung und es ist sicher auch kein Zufall, dass ein zentraler Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erst nach der Wiedervereinigung im Jahr 1996 eingeführt wurde. An diesem Tag, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945, wird in Deutschland an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Das zentrale Holocaust-Mahnmal in Berlin wurde erst im Mai 2005 nach einer langen Kontroverse über Ort und Zweck eröffnet. Das Gedenken an die Opfer ist relativ jung! Allerdings ist in der Gesellschaft zu spüren, dass sich große Teile nicht mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte befassen möchten. Ein Anzeichen dafür ist die seit Jahrzehnten immer wieder aufkommende Debatte einen „Schlussstrich“ (Höcke – AfD) zu ziehen oder auch den „Schuldkult“ (Maier – AfD) zu beenden oder für die die Zeit des Nationalsozialismus nur ein “Vogelschiss” (Gauland – AfD) in der Geschichte ist.

Wir leben leider in einer Zeit, in der rechtspopulistisches Gedankengut sich in immer weiteren Kreisen der Gesellschaft verbreitet. Das macht das Gedenken wichtiger denn je. Natürlich erreichen wir damit nicht direkt die Personen, die das Gedenken ablehnen oder verhindern wollen. Wir sollten aber immer daran denken, dass wir auch jeden Tag im Kleinen, in der Familie, im Kollegenkreis und in der Freizeit etwas erreichen können, indem wir diesen Meinungen widersprechen oder auch einfach nebenbei an das eine oder andere unbekannte Opfer der Nationalsozialisten erinnern. Das erfordert Kraft und ist nicht leicht, aber es ist nötig! Die Erinnerung bleibt sicher auch weiterhin konfliktreich, umkämpft und umstritten. Gedenkformen müssen in Zeiten von Migration und Globalisierung vermutlich auch teilweise neu verhandelt und angepasst werden. Allerdings können und müssen wir täglich im Kleinen dafür kämpfen, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und die Opfer wachzuhalten. Dafür muss jeder und jede seinen und ihren eigenen Weg finden.

In vielen – gerade jüdischen – Familien überlebte keiner, der an die Opfer erinnert. Dies müssen wir, die wir für eine offene und tolerante Gesellschaft kämpfen, übernehmen. Wir dürfen alle Opfer des Nationalsozialismus nie vergessen. Wir müssen ihre Namen und ihre Schicksale in Erinnerung halten. Nicht nur an Gedenktagen oder zu besonderen Anlässen, sondern immer und immer wieder!

One Comment

  • klaus kemner

    Liebe Wahlsächsin,

    sämtliche Daumen (und grosse Zehen) sind gedrückt.Der Erfolg der Frauen ist auch für uns
    Männer WICHTIG.
    Die wichtigen Anstösse zur Besinnung auf “Wer vorausschreibt,hat zurückgedacht” sind von
    Frauen ins Rollen gebracht worden.Unvergessen Magarete Mitscherlich,Carola Stern u.v.
    andere mit ihren Anstössen zum Zurückdenken.
    Die “Stille Post” unserer Eltern und Großeltern beobachte ich bei unseren Enkeln.Die Spuren
    der “Gestrigen” sind noch längst nicht überwunden und trotz erhöhter Aufmerksamkeit in
    den letzten 15 Jahren meinerseits,geht mir Burkhard Schröders”Im Griff der rechten Szene”
    schwer an die Nieren.Geändert hat sich nicht viel an dem geschilderten Zustand (1997) wohl
    nur,daß die 20/25% Nazidenke offener und bis in den Bundestag vorgedrungen ist.
    Aufrechte Kämpferinnen sind das Salz in unserer verkrusteten Politik,solange kein Gleich=
    stand zwischen den Geschlechtern besteht,wird es keine Emanzipation geben.
    Als einer der ersten Nachkriegsgeneration (1946) waren Schweigen,autoritäre Erziehung und
    und die Wirkung der Zwergschule für späte Erkenntnis und Heimatlosigkeit die prägenden
    Momente.
    Von ganzem Herzen wünsche ich Ihnen Erfolg und Zufriedenheit mit Ihrer Arbeit.Stellen Sie
    sich Ihr Licht “nicht unter den Scheffel”.

    Mit den herzlichsten Grüssen
    aus Rütlihausen bei Berlin (Neukölln)

    klaus kemner
    u-k-kemner@web.de

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